Donnerstag, 13. September 2012

Silkes Geburtsberichte

 Heute habe ich einen Text meiner Kollegin Silke für Euch. Er stammt aus ihrem Buch "Geburtsvorbereitungskurs und Poesie".  Silke ist Geburtsvorbereiterin in Mainz und hat zwei Kinder. Viel Spaß beim Lesen!

Vom Beginn der Geburt, dem ersten Ziehen im Bauch, einem Blasensprung oder auch nur der Ahnung, dass man sein Baby in den nächsten Stunden in den Armen halten wird, verändert sich etwas bei der Gebärenden. Ich erinnere mich gut daran, wie es bei mir war. Ich war in diesen Stunden der Wehen ganz bei mir. So wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mein Körper und ich arbeiteten zusammen, wir fanden einen gemeinsamen Rhythmus und konnten uns aufeinander verlassen. Sicher, als es losging, verspürte ich auch Angst. Angst vor Schmerz, Angst ob alles gut gehen würde, Angst, dass ich es aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen könnte und gleichzeitig war da eine so unerschütterliche Ruhe in mir. 

Ich nahm jede Wehe an und verschmolz mit ihr. Sie trug mich mit sich, wie eine Welle und jede Wehe, die ich bezwungen hatte, brachte mich meinem Kind ein kleines Stück näher. Ich hatte in jener Zeit jegliches Zeitgefühl verloren, die Uhrzeit, war vollkommen unwichtig geworden. Es gibt Momente, an die ich mich so gut wie gar nicht mehr erinnere. Die lasse ich mir dann immer von meinem Mann erzählen. Andere Momente wiederum sehe ich glasklar vor mir, als hätte ich sie gerade erst erlebt. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass es die entscheidenden Momente waren, die mir so präsent sind, ich nehme es vielmehr als eine Art Collage des Ereignisses Geburt war. Oder ein Trailer meines ganz persönlichen „Geburtsfilms“ , der als Film nur in den Herzen aller Beteiligten existiert.
Ich erinnere mich an lustige, schmerzhafte, sehr innige Momente aber auch an jene, die mir alles abverlangten. Ängste, mit denen ich umgehen musste, Grenzen, die ich erreichte und die ich überwand.
Auch Gerüche habe ich noch in Erinnerung, wie z.B. das Waschmittel roch, mit dem die Bettwäsche im Kreißsaal gewaschen war. Ein leichter, aber nicht unangenehmer Geruch von Desinfektionsmittel, eine Mischung diverser ätherischer Öle. Ich weiß auch noch, wie die Hand meines Mannes roch, in die ich immer wieder mein Gesicht grub. Sie roch so vertraut und löste in mir ein Gefühl von größter Geborgenheit,Verbundenheit und grenzenlosem Vertrauen aus.


Ich hatte die Gewissheit, dass er schon auf mich aufpassen würde. Das gab mir Kraft. Und dennoch in der Wehe selbst, war ich nur mit mir alleine. Ich arbeitete und gab mich hin. Diesen Prozess erlebte ich fast wie einen Rausch.
Die Geburten meiner beiden Kinder hatten jeweils eine ganz eigene Atmosphäre. Mein Sohn wurde morgens geboren, an einem Spätsommertag, und es regnete in Strömen. Der Regen rann am Kreißsaalfenster herab und ich fand es gemütlich, perfekt zum Gebären.
Meine Tochter wurde in einer sternenklaren Frühlingsnacht geboren und ich genoss die Stille der Nacht, die uns umgab.

Ich werde niemals in meinem Leben vergessen, als nicht nur meine Kinder geboren wurden, sondern gleichzeitig auch eine Mutter für diese Kinder. Dieser überwältigende Moment, in dem man das erste Mal sein Kind im Arm hält, dieses knautschige, froschartige, ganz frische und einzigartige Wesen, welches man aus eigenen Kräften zur Welt gebracht hat. Der Geruch, so süß, so salzig, so voller Liebe, so neu, ich finde neugeborene Babies riechen nach Meer.

Das Gefühl mein Kind das erste Mal auf das noch nasse Köpfchen zu küssen, die kleinen Fingerchen in meinen Fingern zu halten, die kleinen Zehen, der winzige Po, die pfirsichzarte Haut, das Stupsnäschen, die großen Augen, die mich so durchdringend ansahen, dass ich das Gefühl hatte, mein Herz müsse auf der Stelle still stehen.
Nein, niemals würde ich dieses, mein Kind noch einmal wieder her geben. Und mit einem Mal trug ich eine Verantwortung auf meinen Schultern, die wohl mein Leben lang präsent sein wird.
Ich hielt es im Arm und in diesem Moment wurde mir das Geheimnis des Lebens offenbar. Das war es, der Sinn meines Lebens.
Ich legte mein Baby an die Brust und es nuckelte und trank, als hätte es nie etwas anderes getan. Es wurde satt, weil ich es nähren konnte. Ein unbeschreibliches Gefühl.
Ich wusste, ich würde mein Kind mein Leben lang beschützen wollen.
Noch etwas wurde in diesen Tagen geboren. Eine Frau mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein.

Ich erlebte mein „Frau sein“ nun noch einmal ganz anders und ich kann nicht sagen, dass ich vorher nicht selbstbewusst war oder mich wohl gefühlt hatte in meinem Körper. Ganz im Gegenteil. Aber nun kam eine weitere Komponente dazu. Ich hatte mit meinem Körper Leben geschenkt, ich hatte Großartiges geleistet und geschafft. Das wiederum erfüllte mich mit einer nie gekannten Kraft und der Gewissheit, dass mich diese Kraft nie wieder los lassen würde.
Ich liebe es mit meinem Mann beide Geburten Revue passieren zu lassen. Wenn ich ihn frage, wie er diese Stunden erlebt hat, wie er mich als Gebärende erlebt hat und wie letztendlich sein „Vater sein“ geboren wurde, hat er folgendes zu berichten:
Ich kann mich an viele bewegende Momente während der Geburten erinnern. Ich fühlte mich gefordert, aber nicht überfordert. Ich wollte für meine Frau da sein, ohne sie in ihrem Weg zur Geburt einzuschränken. Mal war ich der Arm, in den sie sich bei den Höhepunkten der Wehen krallte, mal derjenige, der sie an das geübte Atmen erinnerte. Den Moment der Geburt erlebte ich jedes Mal als ein kleines Wunder. Dass meine Frau das so toll und ruhig hinbekommen hatte, beeindruckte mich sehr. Das Durchschneiden der Nabelschnur war ein seltsames Gefühl. Bei unserem Sohn, welcher unser erstes Kind war, war ich noch sehr unsicher, hatte Respekt das kleine Bündel, das ich mit waschen durfte, auf den Arm zu nehmen, vor lauter Angst es fallen zu lassen. Bei unserer Tochter, die als zweites kam, war schon mehr Übung da. Ich
habe es sehr genossen, in die großen Augen meiner Kinder zu schauen und sie im Arm zu wiegen. Unvergesslich auch der Anblick meiner Frau, die mir in diesem Moment so leuchtend und glücklich vorkam, wie noch nie. Unglaublich, nach den Schmerzen, die sie doch wenige Minuten zuvor noch hatte. Emotional waren die Geburten sehr erschöpfend, obwohl sie beide vergleichsweise kurz waren. Ich kann mich erinnern, dass ich beim ersten Kind abends nach Hause ging und dann kaum durch die Haustür gegangen wie erschlagen einschlief. Gleichzeitig brachten die vollbrachten Geburten aber ein großes Gefühl der Ruhe mit sich. Es war wie eine Unterbrechung des immer hektischen Lebens. Bei beiden Kindern waren die Tage, an denen wir aus der Klinik nach Hause kamen, die ruhigsten und entspanntesten Tage meines Lebens. Nichts störte unsere kleine Familie, Prioritäten hatten sich verschoben, Alltagsthemen waren in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht. Diese erste gemeinsame Zeit ist im Rückblick unvergesslich.
Als ich meinen Mann um oben geschriebene Zeilen bat und sie mir durchlas, fiel mir auf, dass uns eine Sache wohl beiden sehr wichtig war. Die erste Zeit als Familie.
Eine wundervolle Zeit und so unglaublich wichtig und unwiderbringlich. Nutzt es, genießt es in vollen Zügen.
Wenn Ihr nun den Eindruck gewonnen haben, dass die Geburten unserer Kinder für mich unglaubliche, wunderschöne und faszinierende Erlebnisse waren, bei denen ich jede Minute trotz der Schmerzen genießen konnte, dann kann ich Euch versichern, dass es ganz genau so war. Und dennoch möchte ich betonen, dass das meine ganz persönliche Erfahrung, meine ganz individuelle Wahrnehmung ist. Jede Geburt ist anders und jede Frau ist anders. Jede nimmt sie anders für sich wahr, schreibt ihre ganz eigene Geburtsgeschichte. Was mir bleibt, ist Euch von ganzem Herzen zu wünschen, ein wunderschönes und für Euch stimmiges Geburtserlebnis zu haben.





Kommentare:

  1. Ein schöner Bericht!
    Vieles habe ich ähnlich empfunden.

    LG
    Stephanie

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  2. Es freut mich, dies hier zu lesen. Vielen Dank, liebe Doro!

    Und vielen Dank, liebe Stephanie für Dein Feedback!

    Ganz liebe Grüße aus Mainz,

    Silke

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