Donnerstag, 30. August 2012

Hausgeburt von Pauline

Wie versprochen ein weiterer Geburtsbericht. Noch sehr frisch!!
Kicka ist Trageberaterin in Hamburg und hat hier ihren wunderschönen Blog, sie engagiert sich auch beim Tragenetzwerk.

Viel Spaß beim Lesen!


Unser kleines Baby ist da - pünktlich am errechneten Termin ist unsere Muckeliese bei uns zu Hause im Kinderzimmer von Marlene im Pool zur Welt gekommen.
Es war wirklich wie ein Traum - so gemütlich zu Hause zu sein. So gewaltig, so berauschend, so unglaublich kann eine Geburt also sein, wenn man nicht im Krankenhaus auf dem Rücken liegt, weil man durch die unglücklich gesetzte PDA nicht mehr laufen und nichts mehr spüren kann...
Ich bin unsagbar dankbar. Ich weiss jetzt noch einmal mehr, warum es Hebammen gibt und warum diese so wichtig für uns Frauen sind. Ich weiss, dass ich nach dieser Nacht Gabriele niemals vergessen werde und dass diese Frau einfach unglaublich ist.
Pauline wurde als Sterngucker geboren, was ganz oft nicht schön endet. Zumindest in Kliniken läuft man als Frau schneller Gefahr, dass Glocke, Zange oder Kaiserschnitt zum Einsatz kommen. 
Auch aus diesem Grunde bin ich einfach nur dankbar, dass Gabriele mir vertraut hat, mir meine Zeit gegeben hat und am Ende einer wirklich extremen Pressphase dieses kleine Wesen plötzlich unter mir im Wasser tauchte und mich mit großen Augen ansah...
Diesen Anblick, diesen Moment, diese Gefühle werde ich NIEMALS vergessen. Alles an dieser Geburt war faszinierend. Keinen Moment möchte ich missen. Alles hat mich reifen lassen, mich Dinge von anderen Seiten sehen lassen. 
Habe ich zunächst noch an einen Bikini gedacht (ich bin nicht so der Nudist) - wäre es mir unter der Geburt sogar völlig egal gewesen, wenn jemand eine Hausführung durch unser Geburtszimmer veranstaltet hätte. 
Ich war in einer anderen Welt und in der war ich eben nackt. Ein ziemlicher Gegensatz übrigens zum Vater, der meinte um halb 6 Uhr morgens nochmal duschen und sich einen Anzug anziehen zu müssen... Wer den Papa kennt, weiss dass er selbst beim Unkraut jäten oder renovieren ein frisch gebügeltes Hemd und schwarze Hosen trägt ; )
So hatten wir also den Herrn im feinsten Zwirn und das Urvieh (ich) im Pool... Was muss das für ein Anblick gewesen sein?
Marlene hat auf jeden Fall vorgezogen ab einer bestimmten Wehenintensität der Pressphase, doch lieber eine Runde Biene Maja zu gucken (Mama, wann kommt endlich die Hebamme?) und dann aber wirklich haargenau pünktlich zu den letzten zwei Geburtswehen wieder im Zimmer zu sein, ohne dass jemand Bescheid gesagt hätte.
Kinder wissen eben wirklich genau, was sie vertragen können und was nicht. So war es für uns alle stimmig...


 Wie begann die Geburt!?
Mit einem Blasensprung pünktlich zum Interview mit Helmut Schmidt, das ich gerne gesehen hätte und welches plötzlich ziemlich nebensächlich wurde auf Grund der Tatsache, dass JETZT endlich unser Baby kommen würde...
Das war um 22:45 Uhr am 07. August. Eigentlich war es fast klar - denn an dem Tag habe ich fast manisch die letzten, wichtigen Vorbereitungen getroffen. Das Beistellbettchen aus dem Keller geholt, den Papa das letzte Regal anbohren lassen, den Kinderwagen ausgemottet (den wir natürlich nicht brauchen - außer für Einkäufe, etc.) und aufgeräumt. Ich hatte einfach im Gefühl, dass es JETZT losgeht.
Ab dem Zeitpunkt des Blasensprunges habe ich dann alles nur noch ein wenig hübsch gemacht, Mama angerufen, die Hebamme vorgewarnt, die sich dann dankbar ob der Info schnell schlafen legte, den Pool nochmal prall aufgepustet, den Schlauch an die Dusche geschraubt, damit es dann auch fix losgehen konnte...

Ich konnte auf jeden Fall NICHT mehr schlafen. Ich war voller Adrenalin und Endorphine - alles gemischt. Um halb 2 hatte ich dann auch regelmäßige Wehen. Wie bei Marlene wieder im Kreuz - oh, das wollte ich nicht und war echt sauer...
Habe mir dann Wasser in den Pool gelassen, Kerzen angezündet, das IPad mit schöner Musik gestartet, mich in den Pool gelegt und gemerkt: DAS IST GAR NICHTS FÜR MICH - langweilig, so alleine, die Wehen nahmen ab und ich wollte doch, dass es endlich losgeht - freut mich doch schon seit Wochen und Monaten auf diesen Moment.
Also wieder raus aus dem Wasser. Durch die dunkle Wohnung gelaufen, Wehen dann und wann veratmet, mit dem Becken gekreist und ein dickes Nutellabrot gegessen : )
Die Wehenintensität nahm wie gewünscht zu, die Abstände ab - perfekt :D

So gegen viertel vor 4 habe ich dann entschieden, dass es jetzt doch nicht verkehrt wäre, wieder in den schönen Pool zu steigen, da die Wellen jetzt doch intensiver wurden und es dort doch so herrlich entspannter war. 

Wieder im Pool habe ich gemerkt, dass Wasser dann doch auch kälter wird nach 2 Stunden und dass ich auch gar keine Lust mehr hatte, alleine zu sein. Also habe ich den Papa geweckt und gerufen, der dann auch sofort heißes Wasser nachfüllte, sich in Memes Bett legte und ab da war es einfach nur noch wundervoll!
Es war soooo unglaublich gemütlich. Ich lag im Wasser, der Papa im Kinderbett, nur eine kleine rote Pilzlampe an und wir haben uns unterhalten, wie verrückt das jetzt ist, dass unser Baby auf dem Weg ist... Ca. eine viertel Stunde später wurde Marlene in unserem Bett wach, weil keiner mehr drin lag :D und kam auch in´s Kinderzimmer. 
Zunächst war ich etwas verunsichert, weil ich nicht wusste, wie ihre Laune wohl sein würde - mitten in der Nacht und unausgeschlafen sind Kinder ja oft so gar nicht gut drauf. Marlene war einfach nur zuckersüß. Sie strahlte über das ganze Gesicht vor Freude, dass Pauline jetzt endlich kommt!
Ab da haben beide im Kinderbett unter der Decke gelegen, ich lag immer noch im Pool und habe die Wehen verpustet. Keine einzige war schmerzhaft... Jede einzelne habe ich angenommen und mich auf sie eingelassen. Ja man kann sagen, ich habe mich über die Wellen gefreut, brachten sie mir doch mein Baby... 
Wie gespannt war ich vorher... Wie viel habe ich vorher gelesen, gelernt, reflektiert und jetzt tatsächlich angewendet. Und es funktioniert tatsächlich. 

Bis hierher zumindest. Bis ca. halb 6 - als der Papa duschen ging und sich fein machte, war alles perfekt - ich habe Gabriele angerufen, weil ich da merkte: Jetzt wird es intensiver. Hatte ich doch schon seit einer Stunde alle 3 Minuten Wellen, die jeweils auch 1 Minute dauerten. Als ich anrief war auf jeden Fall genau der Zeitpunkt erreicht, in dem ich mir bei Marlene eine pda geben ließ, weil ich eigentlich Betreuung brauchte. Jemanden, der für mich da war - der sich auskannte! - Der Papa war ja da - aber eben niemand, der mir sagte, dass das alles genau richtig ist, dass ich das toll mache, dass mein Baby jetzt kommt, dass ich pressen darf, was auch immer... Ich brauchte Gabriele und sonst niemanden :D

Und Gabriele kam... 

Genau die Betreuung, die ich brauchte. Die mir Tipps gab und Anweisungen ; ) Vollständig eröffnet war ich zu dem Zeitpunkt als sie eintraf... 
Ab jetzt dauert es bestimmt nur noch ein paar Minuten so wie bei Hannah, meiner Schwester bei deren Geburt meines Neffens ich im vergangenen August dabei sein durfte - DACHTE ich.
Da war es nämlich ganz genau so wie bei mir. Die Eröffnungsphase war rum, Gabriele kam, Hannah entschied sich vollständig eröffnet für den Pool, ca 5-7 Presswehen und 15 Minuten später war der kleine Muckel da.
Tja - nicht so mit meiner Pauline, die sich ja überlegt hatte, dass ihre perfekte Geburt einfach anders ablaufen sollte. 
Das bedeutete für mich ca. 1 Stunde Dschungel ;) 
So fühlte es sich zumindest an - wenn man in völlig anderen Sphären einfach nur noch nach Instinkt handelt und lebt. Wenn man plötzlich einfach nur noch kalte Luft braucht und einem Nachbarn völlig schnuppe sind "Hannes, mach SOFORT das Fenster auf, ich brauche kalte Luft!"
"Bist Du sicher, was ist denn mit den Nachbarn?"
"Hannes, mach SOFORT das Fenster auf - die Nachbarn sind mir völlig WURST!"

Die Jalousien waren unten - es ging wirklich nur um Luft. Zudem brauchte ich ca. 500 Liter KALTES Wasser im Pool und nasse Lappen auf meinem Kopf, die mir der Mann im Anzug auch brav brachte :D

In so mancher Wehe (die Abstände waren eine Stunde lang immer bei nur 1 Minute und die Dauer ebenfalls ca. 1 Minute) hätte ich am liebsten einfach nur noch zugemacht und verkrampft. Aber selbst, wenn man sich fühlt wie ein Urvieh, kann man noch denken und sich in´s Gedächtnis rufen, dass GENAU das falsch ist und einen eben NICHT weiter bringt.
Meine Affirmationen liefen auch in den heftigsten Wellen noch im Kopf auf Hochtouren: Mach Dich auf, Dein Baby und Dein Körper machen das gut, Lass Dein Baby raus, Mach Dich auf... 
Das war unglaublich... Zu spüren, dass es funktioniert... Zu spüren, wie das Baby geboren wird. Wie der Kopf seinen Weg nimmt. All das zu SPÜREN! So faszinierend. Das Gefühl, als das Köpfchen endlich geboren wird, auf die nächste Welle wartend, zu wissen, dass das Baby gleich in meinen Armen liegen wird, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann... Zu wissen, dass man selbst das gerade alles geschafft hat, erlebt hat... Und dann der Körper geboren wird, das kleine Wesen auf der Welt ist, man in das leuchtende Wasser blickt und dort sein kleines Menschenkind vor einem schwebt, mit ganz weit geöffneten Augen, mit kleinen Armen, die hin und her winken... Es selbst einfach in die Arme nimmt und an sein Herz drückt... Ich weine schon wieder... So wie auch in dem Augenblick...
So sehr mir in dieser Schwangerschaft das Gefühl fehlte wie ich es für Marlene hatte, so sehr bestand direkt eine Verbindung, ein Band zwischen Pauline und mir seit diesem Moment. Der Moment, der mir bei Marlenes Geburt so sehr gefehlt hat, wie ich JETZT weiss. Jede Geburt ist anders und es gibt bestimmt auch Mamas, bei denen die "Glocken geläutet haben" nach einer Geburt ohne Gefühl, da man eine pda hatte...
Mir tut es im Nachinein einfach Leid, dass ich Marlene nicht die Möglichkeit gegeben habe, zu Hause auf die Welt zu kommen...
Vermutlich wäre sie nicht erst um 13:48 Uhr zur Welt gekommen, merklich gestresst mit einem völlig geschwollenen Gesichtchen vor lauter Anstrengung und Festecken, weil sich einfach keiner Blicken ließ... Vermutlich wäre sie auch schon in den frühen Morgenstunden geboren worden, wenn man mich einfach nur betreut hätte...

Wenn man als Frau zur Geburt in eine Klinik geht, denkt man zumindest als Erstgebärende, dass man während der Wehen betreut wird, dass eine Hebamme für einen da ist, die einem erklärt, was gerade wie warum und weshalb passiert, die einem gut zuredet, einen massiert oder dem Partner sagt, was er tun kann, etc.
Leider sieht der Alltag meist anders aus. Von 9 Stunden Wehen ist man im Schnitt 8 Stunden alleine mit all seinen Fragen, in einer der der verletzbarsten Phase seines Lebens.
Und es sind nicht die Hebammen... Es ist unser System. Jede Hebamme würde einfach gerne für die Frauen da sein - stattdessen müssen sie wegrationalisierte Stellen mit übernehmen, Schreibkram erledigen und andere Dinge tun, die nichts mit ihrer originären Arbeit zu tun haben.
Eine traurige Geburtswelt haben wir mittlerweile und es wird immer schlimmer statt besser.
Betritt man das UKE hier in Hamburg, denkt man, man wäre im Dutyfree Bereich des Flughafens. Saftbars, Cafébars, Blumenladen, Wellness, Friseur... Alles da, alles chic... Warum? 
Ich schweife ab... Könnte noch ganze Seiten beschreiben... Könnte mich ärgern über alle Bücher und Zeitschriften, die einem immer wieder suggerieren, dass man in Kliniken SICHERER gebären kann. So sicher, dass das Baby einer Nachbarin drei Tage nach Pauline in der Klinik beim Herausziehen mit der Saugglocke erstmal das Schlüsselbein gebrochen wurde und dann noch ein Kaiserschnitt durchgeführt werden musste... Fragt man diese Mama, wird sie vermutlich denken, dass es gut war, dort gewesen zu sein - denn bei den Komplikationen hätte es zu Hause ja gefährlich werden können.
Und genau das ärgert mich... Dieses Baby wäre vermutlich zu Hause einfach auf die Welt gekommen... Und ich sage bewusst: VERMUTLICH. Denn keiner wird es jeh herausfinden!
Wir werden nie sagen können, wie eine Geburt verlaufen wäre, WENN... 
Ich kann nur mutmaßen nach monatelanger Vorbereitung und intensiver Recherche - ja quasi einer Art Selbststudium, dass viele, viele (die meisten?) Komplikationen erst durch das Umfeld Krankenhaus entstehen!

In einem meiner Bücher wird ein Test für die Väter, die gerade einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen und sich vorstellen sollen, wie wichtig Privatsphäre unter der Geburt ist, beschrieben: 
Derjenige, der sich hier vor die Gruppe stellt und in den Topf pinkelt bekommt auf der Stelle 50 Euro!
Die Autorin musst noch NIE die 50 Euro herausgeben - aber die Männer haben alle verstanden, worum es ihr ging.

Und genau hier gibt es sogar Studien über Geburtsverläufe, bei denen die Privatsphäre gewahrt bleibt (zu Hause) und eben den anderen. Hier zeigt sich, dass die Geburten einfacher und wesentlich schneller verlaufen. 

Auch meine und Paulines Geburt wäre vermutlich anders verlaufen und ich bin soooo unsagbar dankbar, dass wir zu Hause waren und ich um all das, was hätte sein können, drumrumgekommen bin :D



Ich bin dankbar, Pauline ist so entzückend, Marlene liebt ihre Schwester... Wir lieben beide Kinder... Die Zeit ist unglaublich und so wertvoll... Wir liegen seit der Geburt fast nur im Bett und genießen uns... Und genau da gehe ich jetzt wieder hin - das Baby muckelt vor sich hin und ist bestimmt wach... Das mag ich nicht verpassen...

Eure Kicka






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