Dienstag, 27. September 2011

Denkschrift von deinem Kind



Betrifft: Mich
Verwöhne mich nicht. Ich weiß ganz gut, dass ich nicht alles haben sollte, worum ich dich bitte.
Ich prüfe dich nur.
Habe keine Angst "fest mit mir zu sein": Es ist mir lieber, ich weiß dadurch woran ich bin.
Wende keine Gewalt bei mir an. Sonst lerne ich, dass es nur auf Gewalt ankommt. Ich lasse mich ohne Gewalt viel bereitwilliger führen.
Sei nicht inkonsequent. Dies verwirrt mich so, dass ich umso mehr versuche, wo ich kann, meinen Willen durchzusetzen.
Mache keine Versprechungen, denn vielleicht kannst du sie nicht einhalten. Dies würde mein Vertrauen in dich entmutigen.
Falle nicht auf meine Herausforderungen herein wenn ich Dinge sage und tue, nur um dich aufzuregen. Denn sonst werde ich versuchen, noch mehr solche "Siege zu erringen".
Rege dich nicht allzu sehr auf, wenn ich sage, "ich hasse dich". Ich meine es nicht so, aber ich möchte, dass es dir leid tut, was du mir angetan hast.

Lass mich nicht kleiner fühlen, als ich bin. Dafür benehme ich mich dann wie ein "großes" Tier.
Tue nichts für mich, was ich selber tun kann. Denn sonst bekomme ich das Gefühl, ein Baby zu sein, und ich könnte dich auch weiterhin in meine Dienste stellen.
Sei vorsichtig, dass mein schlechtes Betragen mir nicht eine Menge Aufmerksamkeit einbringt. Dies würde mich nur ermutigen, meine schlechten Angewohnheiten beizubehalten.
Rüge mich nicht in Gegenwart anderer. Es macht auf mich einen viel größeren Eindruck, wenn du ruhig unter vier Augen mit mir sprichst.
Versuche nicht, mein Benehmen noch während der Aufregung mit mir zu besprechen. Aus irgendwelchen Gründen ist mein Gehör zu dieser Zeit nicht sehr gut, und meine Mitarbeit ist sogar noch schlechter. Es ist in Ordnung, das Erforderliche zu unternehmen, aber lass uns erst später darüber sprechen.
Versuche nicht mir Predigten zu halten. Du wärst erstaunt, wie gut ich weiß, was Recht und Unrecht ist. Gib mir nicht das Gefühl, dass meine Fehler Sünden seien. Ich muss lernen, Fehler zu machen ohne das Gefühl, dass ich nicht gut bin.
Nörgle nicht: Wenn du es tust, muss ich mich davor schützen, indem ich taub erscheine.
Verlange keine Erklärungen für mein schlechtes Benehmen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich es tue. Setze meine Ehrlichkeit nicht allzu sehr auf die Probe. Ich bekomme leicht Angst, so dass ich dann Lügen erzähle.
Vergiss nicht, dass ich gern Dinge ausprobiere. Ich lerne davon; bitte gewöhne mich daran.
Schütze mich nicht vor unangenehmen Folgen. Es ist nötig, dass ich aus Erfahrung lerne.
Beachte meine kleinen Wehwehchen möglichst wenig. Wenn ich zuviel Aufmerksamkeit für sie bekomme, kann ich lernen, Vorteile in der Krankheit zu sehen.
Weise mich nicht ab, wenn ich ehrliche Fragen an dich richte. Sonst werde ich dich nicht mehr fragen, sondern anderswo Belehrung suchen. Gib nur auf dumme oder bedeutungslose Fragen keine Antwort. Ich möchte nur, dass du dich mit mir beschäftigst.
Glaube nicht, dass es unter deiner Würde ist, dich bei mir zu entschuldigen. Eine ehrliche Entschuldigung gibt mir ein überraschend warmes Gefühl für dich. Lege es mir nicht nahe zu glauben, dass du vollkommen oder unfehlbar bist. Diesem Standard entsprechend zu leben, wäre zu viel für mich.
Mach dir keine Sorgen, wenn du nicht allzu viel Zeit für mich hast. Es kommt darauf an, wie wir die Zeit, die du hast, miteinander verbringen.
Meine Ängstlichkeit darf dich nicht ängstlich machen, denn sonst werde ich noch ängstlicher. Zeige mir Mut.
Vergiss nicht, dass ich ohne viel Verständnis und Ermutigung nicht gedeihen kann. Aber ich glaube, dass ich dir das nicht zu sagen brauche. Behandle mich genau so, wie du deine Freunde behandelst, dann werde ich dein Freund sein.
Denke daran, dass ich vom Beispiel mehr lerne als von der Kritik.

(International Study Group Newsletter, November 1963, Übersetzt von Erik Blumenthal)

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